Coenagrion scitulum – Gabel-Azurjungfer

von Reinhard Jödicke

Coenagrion scitulum fand in Niedersachsen zuerst durch SCHUMANN (1948) Erwähnung, der vom Fang eines Männchens am 21.06.1947 am Würmsee bei Großburgwedel berichtete. Seine Bestimmung bezeichnete er als vorläufig und unsicher. Diese Vorsicht erwies sich als richtig, denn später erkannte er die Zugehörigkeit des fraglichen Exemplars zu Coenagrion hastulatum (SCHUMANN 1951).

Der nächste Hinweis kam von KIEBITZ (1962). Ihm war der Erstnachweis für Nordrhein-Westfalen gelungen, als er 1961 ein ihm unbekanntes Männchen bei Bielefeld fing, das er Paul Münchberg zur Bestimmung vorlegte. Kiebitz erwähnte in dem Aufsatz auch: „[Münchberg] teilte mir brieflich mit, daß Herr Lehrer a.D. W. Genz ein Exemplar bei Wilhelmshaven gefangen hat.“ Der in Osnabrück aufgewachsene Odonatologe Heinrich Lohmann ging dem nach und kam nach klärender Korrespondenz mit dem Sammler Genz zu diesem Urteil (LOHMANN 1980): „Der angebliche Fund aus Wilhelmshaven stammt aus Bremerhaven (1 Weibchen, leg. Genz) und ist unglaubwürdig (Genz, in litt.).“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen – eigentlich, aber die Geschichte ging im deutschen Schrifttum weiter. In der renommierten Zeitschrift Odonatologica hatte SCHMIDT (1977) C. scitulum zu den „Invasionsarten und Gästen“ in Deutschland gerechnet und – ohne Zitat – drei deutsche Fundorte angegeben, unter anderem „einmal bei Wilhelmshaven“. Dies stand in einem missverständlichen Satz und wurde dann auch prompt falsch zitiert: STERNBERG in STERNBERG & BUCHWALD (1999) berief sich auf SCHMIDT (1977) und schrieb „ein Männchen 1961 bei … Wilhelmshaven … verbürgt“.

In der Datenbank des NLWKN wurden drei weitere Coenagrion scitulum-Meldungen gehütet. Im Zuge der Arbeiten am Deutschlandatlas wurden diese Meldungen geprüft. In zwei Fällen handelte es sich um Eingabefehler: In Wirklichkeit waren ganz andere Arten gemeldet worden. Im dritten Fall handelte es sich um Meldungen von Studenten der Fachhochschule Osnabrück, die ein Bach- und Grabensystem im Artland untersucht hatten. Dabei tauchte in den Proben an einem Graben bei Stottenhausen (Landkreis Osnabrück) vom 24. Mai bis in den August 2007 auch C. scitulum auf. Eine Vermittlung durch Julia Lopau und Burkhard Grebe, einer der Coenagrion scitulum-Artbearbeiter für den Deutschland-Atlas, ermöglichte die Kontaktaufnahme zu Leonie Kuhlke, die an der Untersuchung beteiligt war. Sie schrieb: „Die Beobachtung von Coenagrion scitulum vor einigen Jahren halte ich jedoch nach wie vor für fraglich. Es handelte sich damals um ein studentisches Projekt, in dessen Rahmen wir u.a. Libellen erfasst haben. Aus meiner heutigen Sicht würde ich eine solche Meldung jedoch mit Vorsicht genießen. Ich kann mich heute nicht mehr gut an den Standort erinnern und deshalb auch nicht beurteilen, ob Coenagrion scitulum dort potenziell zu erwarten wäre.“

Nach meiner Einschätzung ist C. scitulum tatsächlich auszuschließen. Beim Gedanken an eine Grabenpopulation drängt sich allerdings gleich der Name Coenagrion mercuriale auf. Das wäre zweifellos eine Art, die ähnliche Merkmale wie C. scitulum aufweist und daher leicht zu verwechseln ist. Das gleiche gilt natürlich auch für Coenagrion ornatum. Übrigens wurde in den 1990er Jahren an einem nahegelegenen Bach ein Männchen von C. mercuriale fotografisch belegt (F. Zöpfgen pers. Mitt.). Bei einer eigenen Nachsuche in der Saison 2014 fand ich nur ein einziges Coenagrion: C. puella.

In der Zusammenschau gibt es keine plausible Meldung für unser Gebiet. Coenagrion scitulum gehört daher nicht auf unsere Artenliste.

Literatur

KIEBITZ H. (1962) Agrion scitulum – eine für Westfalen neue Libellenart. Natur und Heimat, Münster 22: 41-43
LOHMANN H. (1980) Faunenliste der Libellen (Odonata) der Bundesrepublik Deutschland und Westberlins. Societas Internationalis Odonatologica Rapid Communications 1: 1-34
SCHMIDT E.G. (1977) Ausgestorbene und bedrohte Libellenarten in der Bundesrepublik Deutschland. Odonatologica 6: 97-103
SCHUMANN H. (1948) Bemerkenswerte Libellen aus Niedersachsen. Beiträge zur Naturkunde Niedersachsens 1: 27-32
SCHUMANN H. (1951) Ergänzungen und Berichtigungen zu den „Bemerkenswerten Libellen aus Niedersachsen“. Beiträge zur Naturkunde Niedersachsens 4: 116-120
STERNBERG K. (1999) Coenagrion scitulum (Rambur, 1842) – Gabel-Azurjungfer. In: STERNBERG K. & R. BUCHWALD (Ed.) Die Libellen Baden-Württembergs, Band 1: S. 297-300. Ulmer, Stuttgart

Text veröffentlicht am 27.02.2015