Orthetrum coerulescens – Kleiner Blaupfeil

 von Rainer Buchwald

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Orthetrum coerulescens ist in Europa (wie Nordafrika) weit verbreitet; sein Areal reicht im Osten von SO-Europa über den Kaukasus und N-Indien bis zu den baltischen Staaten; im Norden bis nach Südskandinavien, Irland und weiten Teilen Schottlands. In Deutschland besitzt O. coerulescens seinen Verbreitungsschwerpunkt im Süden und Südosten, ist aber in fast allen Bundesländern nachgewiesen; die Nordgrenze liegt etwa auf der Linie Oldenburg – Hamburg.

In Niedersachsen wurde die Art in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in der Lüneburger Heide (mit Schwerpunkt in den südlichen Teilen) sowie im Wendland und im Harzvorland nachgewiesen; darüber hinaus bestehen aktuell jeweils wenige Populationen im Raum Osnabrück, bei Sulingen und im Weserbergland. Von den übrigen westlichen Regionen Niedersachsens liegt nur wenige sicherere Nachweise südlich von Oldenburg und Bremen vor, die Vorkommen entlang der Ems und am Nordausläufer des Osnabrücker Hügellands sind nach derzeitigem Kenntnisstand erloschen.

Mit Ausnahme der Lüneburger Heide und des Harzvorlandes ist O. coerulescens in allen Landesteilen selten und gefährdet. In Westniedersachsen ist die Art aufgrund der sehr geringen Anzahl bodenständiger, weit voneinander entfernt liegender Populationen sogar stark gefährdet. Im Harz oberhalb 300 m ü. NHN ist O. coerulescens erst seit 2011 bekannt und vermutlich tatsächlich erst in jüngerer Zeit aufgrund steigender Temperaturen eingewandert; Reproduktionsnachweise liegen bislang aus Quellrinnsalen in nicht zu sauren soligenen Hangmooren und aus einem Stauteich in Höhen bis maximal 775 m ü NHN vor.

O. coerulescens besiedelt in erster Linie grundwasserbeeinflusste oder quellnahe Bäche und Gräben innerhalb von Grünland-, Acker- und Moorlandschaften, die meist in ehemaligen Bach- oder Flussauen angesiedelt sind. Darüber hinaus finden sich seine Lebensräume in Quellmooren und –sümpfen sowie (seltener) anderen Lebensräumen wie Seeausflüssen, Materialentnahmestellen u.a.. Dabei handelt es sich um flache, besonnte, thermisch begünstigte, permanente Gewässer mit geringer oder mittlerer Fließgeschwindigkeit (im Falle von Niedermoor-Schlenken stellenweise ohne erkennbare Fließbewegung), die im Winter nicht durchfrieren. Die Larven leben eingegraben im Feinsediment (Sand, Schluff, Torf u.a.), die Exuvien findet man im oder unmittelbar am Gewässer in vertikaler Vegetation.

Weibchen und junge Männchen von O. coerulescens sind an ihrer gelb-braunen Zeichnung mit zwei graugelben Längslinien dorsal auf der Brust erkennbar, die adulten Männchen am blauen Abdomen. Gegenüber den Schwesterarten O. cancellatum und O. albistylum fällt das ockergelbe Flügelmal vs. einem schwarz-braunen auf, das bei der vierten Orthetrum-Art O. brunneum rostbraun gefärbt ist. Der zuweilen syntop vorkommende Südliche Blaupfeil (Orthetrum brunneum) ist robuster und länger als O. coerulescens und weist gegenüber diesem zwischen Radiusschaltader und unterstem Radiusseitenast meist mehr als drei Zellverdopplungen vs. maximal 1-2 (bei O. coerulescens) auf.

Am einfachsten wird O. coerulescens anhand seiner Imagines nachgewiesen, deren Männchen ein deutliches Revierverhalten zeigen. Darüber hinaus können auch die Exuvien leicht gefunden werden, allerdings mit Ausnahme dichter Vegetationsbestände am Ufer von Bächen und Gräben, bei denen eine gezielte Suche sehr aufwendig ist. Die Larvensuche in Quellmooren und –sümpfen ist ergiebig, im Falle zu erwartender Trittschäden aber nicht zu empfehlen; sie sollte auch an langen Fließstrecken von Bächen und Gräben wegen einer recht geringen Fundwahrscheinlichkeit nur bei spezifischen Fragestellungen durchgeführt werden.

Die Metamorphose findet selten im Mai, meist im Laufe des Juni statt; der Schwerpunkt der Flugzeit fällt entsprechend in den Hochsommer (Juni, Juli), reicht aber bei großen Populationen bis weit in den August herein.

Viele Populationen Niedersachsens sind in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten durch Eutrophierung, Einschwemmung von Pestiziden und Düngestoffen, intensive Gewässerunterhaltung und Absenkung des Grundwasserspiegels an ihren Reproduktionsgewässern erloschen. Daher ist die Sicherung von Quellhabitaten sowie die Einrichtung von Pufferstreifen an Acker- und Wiesenbächen unabdingbare Voraussetzung der langfristigen Erhaltung von O. coerulescens – Habitaten.

Text veröffentlicht am 19.03.2015

AG Datenbank – Erste Auswertungen

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