Onychogomphus forcipatus – Kleine Zangenlibelle

von Reinhard Jödicke

Von Onychogomphus forcipatus gibt es seit vielen Jahrzehnten keine Meldungen mehr aus unserer Region. Alles, was über die Art bekannt wurde, findet sich in drei Quellen. Diese Quellen sind reichlich vage, was Details jeglicher Art angeht, und erlauben weder eine Verortung der Fundplätze, noch eine Datierung. Trotzdem gibt es keinen triftigen Grund, die Richtigkeit der Fundmeldungen anzuzweifeln. Damals waren gesammelte Belegexemplare die methodische Basis für das Erstellen von Artenlisten. Sammlungstiere ermöglichten eine sichere Bestimmung und wurden in Zweifelsfällen auch Spezialisten vorgelegt.

(1) Der älteste Hinweis auf ein Vorkommen der Art findet sich in einer der ältesten Quellen über Libellen in der Region überhaupt: HEINEKEN (1836) gab „Libellula forcipata“ in einer Artenliste für die Umgebung von Bremen an.

(2) Eine weitere Meldung kam ebenfalls aus Bremen, als GEISSLER (1906) schrieb: „ein Exemplar in Schönebeck (Rottländer)“. Schönebeck ist ein Ortsteil von Bremen, ganz in der Nähe der Mündung der Lesum in die Weser, und wird von der Schönebecker Aue, einem Geestbach, durchflossen. In der Datenbank des NLWKN ist der Fundort der Rasterfläche 2817/2/09 – also dem Bach – zugeordnet worden; das Nachweisjahr wurde auf 1880 datiert. Solche „Präzisierungen“ sind aus der Luft gegriffen und im Sinne einer Aufarbeitung historischer Daten völlig unnötig.

(3) In einer dritten Quelle stellte ROSENBOHM (1951) fest, dass die Art, mit Ausnahme des Schönebecker Fundes, im Gebiet entlang der Achse Jütland – Schleswig-Holstein – Niederelbe – Lüneburger Heide – Hannover fehlt. Er ergänzte: „Erst südlich von Hannover … liegen die nächsten Fundorte.“ In der Datenbank des NLWKN ist diese Angabe willkürlich auf 1940 datiert und ebenso willkürlich der Rasterfläche 3624/4 – also dem Leinetal am südlichen Stadtrand von Hannover – zugeordnet worden. War also die Leine ein Lebensraum für O. forcipatus?

Andreas Martens und Frank Suhling untersuchten die Biotopstrukturen der Leine oberhalb von Hannover und konnten eine frühere Besiedlung durch die Gomphidenart nicht a priori auszuschließen (F. Suhling pers. Mitt.). Dennoch erscheint es wahrscheinlicher, dass ROSENBOHM (1951) mit der Formulierung „südlich von Hannover“ auf ein Vorkommen an der oberen Weser hinwies. Frank Suhling schätzt den niedersächsischen Abschnitt der Oberweser – so etwa bei Rinteln – wegen seiner strukturellen Biotopeigenschaften als potentiellen Lebensraum von O. forcipatus ein. Er postuliert ein früheres dortiges Vorkommen, das dann in Folge der drastischen Versalzung des Fluss-Systems seit Beginn des 20. Jahrhunderts ausgelöscht wurde (F. Suhling pers. Mitt.).

Die Libellen der Oberweser wurden besonders intensiv durch Mathias Lohr untersucht (LOHR 2007, 2010). Er hält es für sicher, dass O. forcipatus früher in der Ober-, vielleicht auch in der Mittelweser vorkam, und verweist auf alte, stützende Fundmeldungen aus der Fulda (LEONHARDT 1913, FITTKAU 1953). Auch er bezieht die Rosenbohm’sche Angabe „südlich von Hannover“ auf die Oberweser (M. Lohr pers. Mitt.).

Die derzeit nächsten Funde gibt es aus Hessen von den Weserquellflüssen Werra und Fulda, vor allem von der Eder, dem wichtigsten Quellfluss der Fulda (HILL et al. 2011). Im Einzugsgebiet der Weser hat die Art seit der jüngsten Jahrhundertwende wieder stark zugenommen (HILL et al. 2011). Ein waches Auge für mögliche Entdeckungen am niedersächsischen Abschnitt des Weseroberlaufs erscheint daher angeraten. Als dort im Jahr 1999 die Gomphide Gomphus flavipes neu entdeckt wurde (LEIFELD & LOHR 2000), bescheinigten die Autoren der Oberweseraue trotz ihrer seit Jahrzehnten stark verarmten Libellenfauna ein „relativ hohes Wiederbesiedlungspotential auch für Libellen“.

Literatur

FITTKAU E.J. (1953) Odonaten aus der Fulda. Berichte der Limnologischen Flußstation Freudenthal 5: 29-36

GEISSLER C. (1906) Verzeichnis der in Bremen und Umgegend vorkommenden Libellen. Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen [für 1905] 18: 267-273

HEINEKEN P. (1836) Systematisches Verzeichnis der in der Umgegend von Bremen vorkommenden Thiere und wildwachsenden Pflanzen. In: Heineken P. Die freie Hansestadt Bremen und ihr Gebiet in topographischer, medizinischer und naturhistorischer Hinsicht, Band 1, S. 153. A.D. Geisler, Bremen

HILL B., H.-J. ROLAND, S. STÜBING & C. GESKE (2011) Atlas der Libellen Hessens. FENA Wissen 1. Hessen-Forst FENA, Gießen

LEIFELD D. & M. LOHR (2000) Erstfund von Gomphus flavipes an der Oberweser (Odonata: Gomphidae). Libellula 19: 229-231

LEONHARDT W. (1913) Die Odonaten der näheren Umgebung Cassels. Internationale Entomologische Zeitschrift 7: 41-43, 55-57, 72-73, 79-80, 86-88, 98-99, 106-108

LOHR M. (2007) Libellen zweier europäischer Flusslandschaften. Besiedlungsdynamik und Habitatnutzung von Libellengemeinschaften am Unteren Allier (Frankreich) und an der Oberweser (Deutschland). Dissertation, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

LOHR M. (2010) Libellen zweier europäischer Flusslandschaften. Arbeiten aus dem Institut für Landschaftsökologie Münster 17: 1-183

ROSENBOHM A. (1951) Bermerkungen zur Libellenfauna Schleswig-Holsteins und des Niederelbegebietes. Mitteilungen der Faunistischen Arbeitsgemeinschaft für Schleswig-Holstein, Hamburg und Lübeck 4: 27-29

Text veröffentlicht am 21.07.2014


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